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UNI 2 2015

UNI I 02 I 2015 67 | Ein ISWI-Vortrag Samstag, 14 Uhr. Von überall her strömen junge Menschen aus aller Welt in den Audimax. Es sind die Teilnehmer der „In-ternationalen Studierendenwoche in Ilme-nau“, kurz ISWI. Englisches Gemurmel in den verschiedensten Akzenten erfüllt den Saal mit einer lebendigen Atmosphäre. Die Auslöser von Handy-Kameras sind zu hören, hier und da sieht man ein Blitzlicht: Die ersten Selfies mit den neuen Freunden aus aller Welt entstehen. Aller Anfang ist einfach Plötzlich ertönt ein zaghaftes „Hello“. Es ist Georg, ein Organisator der ISWI, der die Bühne betritt und die Aufmerksamkeit des Publikums für sich gewinnen will. Beim dritten Anlauf wird das Gemurmel nun etwas leiser. Georg bittet Alyn Ware, den Vortragenden, auf die Bühne. Eine warme, angenehme und durch das Mikrofon etwas verzerrte Stimme erklingt. Er sei wohl etwas overdressed für diese Veranstaltung, stellt Alyn mit einem La-chen fest, das sofort auf die Teilnehmer der ISWI über schwingt. Dabei lockern die grau-türkisen Turnschuhe und die Krawat-te mit Schaf-Aufdruck den grauen Anzug des Neuseeländers durchaus etwas auf. Eine vergessene Bedrohung Doch das Lachen verschwindet bald und eine nachdenkliche Ruhe liegt im Audimax, denn ein Atompilz schier unendlichen Ausmaßes flutet die erste Folie in leidvollen Rottönen. Es handelt sich um eine Aufnah-me, vom Test eines Atomsprengkopfs, mit der Alyn seinen Vortrag zur Bedrohung durch Nuklearwaffen einleitet. Was für die meisten Teilnehmer kaum greifbar und in Deutschland längst vergessen scheint, füllt seine Präsentation: Etwa 16.000 Atomsprengköpfe sind überall auf der Welt verteilt und könnten jederzeit zum Einsatz kommen. Ein unfassbar schreckli-ches Szenario, dass Alyn sehr lebhaft und emotional beschreibt. Niemand sagt ein Wort. Es herrscht vollkommene Stille. Fas-sungslosigkeit und ein entsetztes Aufstöh-nen sind deutlich zu spüren und zu hören, als er an ein Szenario aus dem Jahr 2007 erinnert. Damals wurden irrtümlicherweise Atomsprengköpfe auf eine Maschine der U.S. Airforce verladen und ohne jedes Wissen über das Land transportiert. Für 36 Stunden schienen die Atomsprengköpfe auf unerklärliche Weise verschwunden. Eine einfache Forderung Alyn Ware verfolgt ein Ziel, dass uns vor derartigen Problemen und atomaren Kata-strophen bewahren soll: Die Reduzierung der Anzahl an Nuklearwaffen auf Null. Noch immer ist die Stimmung angespannt. Die Teilnehmer aus aller Welt verfolgen aufmerksam Alyns lebendige und emotio-nale Präsentation. Jedoch scheint das The-ma erdrückend, die Lösung unmöglich zu erreichen – schon gar nicht für Studenten ohne politischen Einfluss. Doch plötzlich wird diese Stimmung unterbrochen. Er habe gute Neuigkeiten für uns, ruft Alyn spontan. Gemeinsam die Welt verändern Dass niemand alleine dafür sorgen kann, dass Nuklearwaffen aus der Welt ver-schwinden, ist klar. Doch das muss auch gar nicht sein. Eine Folie zeigt zwei Selfies. Darauf sind jeweils eine junge Iranerin und eine junge Israelin zu sehen. Auf den bun-ten Plakaten, die sie vor ihren Gesichtern halten, steht groß: „Wir lieben euch Israel“ und „Wir lieben euch Iran“. Die Selfies wurden über soziale Netzwerke geteilt und sorgten national wie international für Aufsehen. Sie haben dazu beigetragen, einen möglichen Atomkrieg zu verhindern, der 2012 für sehr wahrscheinlich gehalten wurde. Aus ernsten und nachdenklichen Blicken, werden gerührte, hoffnungsvolle Blicke und die Zuversicht und Erleichterung im Audimax ist spürbar. Der Wunsch nach Frieden, der Wunsch danach, eine bessere Welt zu schaffen, erfüllt den Raum mit ei-ner unbeschreiblich positiven Atmosphäre, die sich auch in Alyns Ausstrahlung wider-spiegelt. Es ist für ihn nicht einfach nur ein Vortrag, sondern etwas ganz besonderes, eine Chance den Teilnehmern aus aller Welt zu zeigen, dass sie gemeinsam eine bessere Zukunft erschaffen können. Euphorisch – aber realistisch Die Euphorie, die den Raum erfüllt, reißt auch nach dem Vortrag nicht ab. Überall schnellen Hände in die Luft. Den Fragen nach dem Einfluss der Vereinten Nati-onen, der Gefahr von Nukleartests und auch der Frage, ob allein die Abschaffung aller Nuklearwaffen uns vor einem dritten Weltkrieg bewahren wird, beantwortet Alyn ausführlich, ehrlich und mit Hingabe. Gespannt werden die Fragen verfolgt und der Wissensdurst führt zu einer lebendigen Diskussion. Natürlich kann niemand die Zukunft voraussehen, gibt Alyn zu, als er gefragt wird, ob er das Ziel, 2030 eine Welt ohne Atomsprengköpfe zu etablie-ren, für wahrscheinlich hält. Er appelliert jedoch an die Teilnehmer, die Hoffnung beizubehalten, nach vorne zu schauen und die Zukunft aktiv nach ihren Wünschen zu gestalten. Denn er sieht in den Teilneh-mern die „United Nations of the Youth“. I Leo Warnow UNIREPORTAGE Selfies statt Atombomben Der Friedensforscher Alyn Ware bei seinem Vortrag zur ISWI. Foto: Chiung


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