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UNI 02 2014

„An der TU Ilmenau ist die Vorstellung, man sei eine große Campus Familie, mehr als nur eine Phrase vom Hochschulmarketing. Hier leben wirklich „Es schien für alle selbstverständlich, alle dieses Motto.“ mich nicht nach dem Rollstuhl oder meinen Einschränkungen zu fragen oder diese nicht ganz alltägliche Situation UNI I 02 I 2014 55 | Dies sorgte manchmal für einige ungewohnte Situationen im Umfeld des Studenten, beispielsweise in einer der ersten Vorlesungen, als sich einer der Pfleger an Bastians Stelle meldete, jedoch er dem Professor antwortete. Aber mit der Zeit gewöhnten sich alle - Professoren, Dozenten und Kommilitonen - an die neue Situation. „Den alltäglichen Umgang mit dem nicht ganz so Alltäglichen habe ich nun schon ein ganzes Semester erlebt“, erzählt er, „und in dieser Zeit viele positive Erfahrungen gemacht.“ So habe es ihn anfangs gewundert, als ein Student wie jeder andere wahrgenommen zu werden. „Es schien für alle selbstverständlich, mich nicht nach dem Rollstuhl oder meinen Einschränkungen zu fragen oder diese nicht ganz alltägliche Situation in sonst irgendeiner Weise zu thematisieren.“ Im Gegenteil - Bastian ist in das Ilmenauer Studentenleben voll integriert: Er fährt zu gemeinsamen Treffen auf der Mensa-Wiese, in die Studentenclubs und zu WG-Parties von Freunden. „Ich genieße UNIPORTRÄT Fotos: Yvonne Frankenhäuser Schlechtes Wetter, wie es in Ilmenau schon mal vorkommt, ist im Alltag Bastian Krösches die kleinste Hürde. Wichtig ist ihm die Barrierefreiheit auf dem Campus, in Seminarräumen und Hörsälen wie hier im Audimax oder in der Unibibliothek. meine Zeit als Student hier wirklich sehr“, sagt er und lächelt. „Es ist ein ziemlicher Kontrast zu meinem bisherigen Berufsleben.“ Schnell wird klar, dass Bastian nicht an schwierigen Situationen verzweifelt, sondern sie mit Zielstrebigkeit, Einfallsreichtum und der Unterstützung anderer überwindet. Da er die Terminals zur Prüfungsanmeldung vom Rollstuhl aus nicht nutzen kann, lieh er sich kurzerhand vom Uni-Rechenzentrum ein Kartenlesegerät für den eigenen Computer aus. Bei der Vorlesung für Mathematik schrieb eine studentische Hilfskraft für ihn mit, weil weder er selbst am Computer noch die fachfremden Assistenzkräfte handschriftlich schnell genug mitschreiben konnten. Die Prüfungen konnte er aufgrund seiner Einschränkung mündlich ablegen. Einzige Ausnahme war die Klausur in Mathematik, bei der er aber etwas mehr Zeit erhielt und die Lösungen diktieren konnte. „An der TU Ilmenau ist die Vorstellung, man sei eine große Campus Familie, mehr als nur eine Phrase vom Hochschulmarketing“, ist Bastian überzeugt. „Hier leben wirklich alle dieses Motto. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass anspruchsvollere Situationen wie in meinem Fall innerhalb dieser Familie problemlos gelöst werden.“ Seinen Weg an die TU Ilmenau und seine bisherigen Erlebnisse als Ilmenauer Student hielt Bastian Krösche in seinem Erfahrungsbericht „Drei Anläufe“ fest, mit dem er im April beim Inklusions-Wettbewerb des Thüringer Bildungsministeriums „Geschichten der Vielfalt“ gewann. Er war der einzige Preisträger aus dem Bereich der Thüringer Hochschulen. Zu seinem Wettbewerbsbeitrag hieß es bei der Preisverleihung: „Bastian Krösche schildert darin sehr lebendig den alltäglichen Wahnsinn zwischen Studium, Wohnung, Grillplatz und den anderen kleinen Feinheiten des Lebens.“ Er hat damit nicht nur erneut sein Talent bewiesen, sondern auch anderen körperlich eingeschränkten jungen Menschen Mut gemacht, den Schritt zum Studium ebenfalls zu wagen. I Yvonne Frankenhäuser in sonst irgendeiner Weise zu thematisieren“.


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