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UNIMENSCHEN UNI I 01 I 2014 53 | Professor Klaus Römer – eine persönliche Erinnerung Der Satz eines älteren Kollegen fiel eher beiläufig: Wisst ihr schon, dass Professor Römer, die rote Socke, gestorben ist? Bald stellte sich heraus, dass der Kollege mit Römer persönlich nie etwas zu tun gehabt hatte. Das war bei mir anders. Und ich habe mich gefragt, wer war dieser Klaus Römer? Entsprach er dem Klischee? Endgültige Wahrheiten habe ich hier nicht beizutragen. Aber zumindest einige Facet-ten seiner Person habe ich kennengelernt. Klaus Römer hat einen Lebenslauf, der älteren Ostdeutschen so bekannt wie Westdeutschen sicher fast unbegreiflich ist. Am 6.2.1934 wird Römer in Halle geboren, die Arbeiterfamilie lebt unter ärmlichen Verhältnissen. Der Vater, seit 1919 Mitglied der KPD, muss nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten für Jahre ins Zuchthaus Brandenburg. Rö-mer, Jüngstes von vier Kindern, beschreibt die Verhältnisse in seinem Elternhaus so: „Wir lebten in Halle in einem völlig ver-nachlässigten Arbeiterviertel im Zentrum der Stadt. Stube, Kammer und Küche für 6 Personen. 3 Kinder schliefen in der 10 qm großen Kammer, der Älteste in der Küche auf dem Sofa, die Stube war der Schlaf-raum der Eltern, und in der dunklen Küche verbrachten wir den größten Teil unseres Lebens. Die zwei Klosetts für 7 Familien, primitive Bretterbuden, befanden sich auf dem 4 x 3 m großen Hof …“ Als die Besatzungsmacht Sowjetunion nach dem Krieg die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Einflussbereich grundlegend ändert, stehen Menschen wie Römer dem aufgrund ihrer Herkunft keineswegs fremd gegenüber. Die rigoro-se Umwälzung entspreche der Logik des geschichtlichen Verlaufs, äußert er später sinngemäß. Mit vierzehn tritt er in die Partei ein, besucht eine Internatsschule, studiert an der Humboldt-Universität Ber-lin, arbeitet an einer Bezirksparteischule, nimmt eine Aspirantur in Moskau wahr und wird 1973 promoviert. Ab Herbst 1973 ist Römer Angehöriger der TH Il-menau, ab 1974 Leiter des Instituts für Marxismus-Leninismus. Er habilitiert sich und ist ab 1980 Ordentlicher Professor für Dialektischen und Historischen Materialis-mus an der TH. 1981 wird er Prorektor für Gesellschafts-wissenschaften und tritt als solcher in mein „kulturelles Leben“ an der Hochschule, was für mich damals heißt: Filmclublei-tung, Mitarbeit im Klubrat, beim Veran-staltungsplan, beim Fasching und vieles andere. Da in der DDR die „Diktatur des Proletariats“ herrscht, ist die Gesellschaft vielfältig durchdrungen von Personen und Funktionen, die der Aufrechterhaltung die-ser Herrschaft dienen (und deren wahrer Charakter wohl noch der wissenschaftli-chen Aufarbeitung harrt) – ohne Zweifel ist die Funktion eines Prorektors ML eine der wichtigeren davon. Zum denkbaren Repertoire solcher herausgehobenen Personen gehören oft: machtbewusstes, diktatorisches Auftreten, Ausübung von Zensur ohne Duldung von Widerspruch, sofortige Zerstörung zarter Formen von unabhängigem Handeln und Selbstbe-wusstsein. Das alles trifft für Römer (und ich rede hier von meinen damaligen Er-fahrungen) nicht zu. Römer schafft eher Schutzräume für unser Tun, als dass er es im Keim erstickt. Er ist dialogbereit, ruft auf zu eigenverantwortlicher Vernunft und übt selbst Toleranz in den Grenzen des Möglichen. Ich habe damals diesen Wandel und die Person Römers schnell schätzen gelernt. Da ich ganz anders sozialisiert war als er, vor allem ein Bild unserer „sozialistischen“ Welt hatte, das seinem nicht entsprach, fand mein öffentliches Handeln und manche kleine Provokation nicht immer seine ungeteilte Zustimmung. Aber er ver-suchte zu verstehen, diskutierte, vermied das Zeigen von Machtmitteln. Während beispielsweise anderswo (so in Jena und Gera) Filmclubs wegen angeblicher poli-tischer Unzuverlässigkeit umgekrempelt wurden, konnten wir in Ilmenau die ganze Palette an gesellschaftskritischen ungarischen Filmen zeigen, Kirchenleute zu Filmen einladen, offen über Filme re-den und halbwegs offen schreiben. Dass die 80er Jahre an der TH aus meiner Sicht recht liberal erscheinen, liberaler als die DDR-Gesellschaft insgesamt, hat nicht zuletzt mit der Person Römers zu tun – wie auch einigen anderen Hochschullehrern und Assistenten der Sektion Marxismus- Leninismus (Prof. Schüler und Prof. Erck seien stellvertretend genannt). Mitte Januar 1990 traten die 70 - 80 % Hochschullehrer, die der SED ange-hört hatten, fast geschlossen aus dieser aus und befreiten sich so auf einfache Weise aus der Knechtschaft ihrer Partei- Zugehörigkeit. Die Technikprofessoren hielten sich ohnehin für unschuldig, die Gesellschaftswissenschaften wurden abgewickelt. Römer blieb in der Partei, an deren Wandel er glaubte, er kämpfte um seinen Verbleib an der TH und verlor. Bis Ende der 90er Jahre war er geachtetes Mitglied des Stadtrates und versuchte, die politischen Ziele der Linken durchzusetzen. Im September 2013 hat sich Professor Römer einer Standard-Operation un-terziehen müssen. Danach auftretende Komplikationen hat er nicht überlebt und ist am 4.9.2013 im Alter von 79 Jahren gestorben. I Ralf Weber Professor Klaus Römer bei der Ausstellungseröffnung anläss-lich 25 Jahre Jugendklub der TH Ilmenau 1989.


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