Teilhabe statt Integration

Von Sina Trum


Das Ilmenauer Flüchtlingsnetzwerk gehört zu dem studentischen Verein ISWI e.V. Als die Flüchtlingszahlen aufgrund von Krisen und Konflikten stiegen, wurde das Ilmenauer Flüchtlingsnetzwerk Ende 2014 gegründet, um die ersten eintreffenden Flüchtlinge im Ilm-Kreis zu unterstützen. Mittlerweile engagieren sich dort viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterschiedlichen Alters und Berufes, um den Geflüchteten in vielfältiger Weise zu helfen und sie beim Einstieg in die Gesellschaft zu unterstützen. Caroline Lehmann arbeitet seit 2015 aktiv mit und als eine Koordinatorin des Flüchtlingsnetzwerkes spricht sie im Interview über ihre Arbeit und Erfahrungen.

Was bedeutet für dich gelungene Integration?

Also ich mag persönlich das Wort Teilhabe lieber als Integration. Für mich ist es wichtig, dass alle Menschen, die in einer Gesellschaft leben, an ihr teilhaben können und zwar gleichberechtigt. Es muss von allen Seiten passieren. Alle Menschen, die in eine Gesellschaft reinkommen, müssen dann in der Gesellschaft aushandeln, wie sie miteinander arbeiten wollen.

Welche Aufgaben hat man als Ehrenamtlerin und wie wird versucht den Geflüchteten zu helfen?

Zum einen gibt es die ganz alltägliche Unterstützung. Wir beraten bei allen möglichen Fragen und Problemen, gehen mit zu Behörden, helfen bei Arztbesuchen aus. Es gibt einen kleinen Dolmetscher-Pool, der vor allem am Anfang ganz wichtig ist. Inzwischen gibt es auch viele Geflüchtete, die selbst gut Deutsch können und anderen helfen. Wir helfen beim Übersetzen und bei allen möglichen Besuchen. Es ist leider so, dass man nicht alle Leute, die es brauchen, immer mit Dolmetschern ausstatten kann. Es ist aber gerade im Alltag wichtig und viele Ärzte, Schulen und Kindergärten sind auch froh und glücklich, wenn sie mit den Eltern sprechen und einfach jemand da ist, der bei der Kommunikation hilft.

Woher kommt bei dir die Motivation zu helfen?

Es kommt von frühester Kindheit. Es ist einfach das, was meine Eltern mir vorgelebt haben. So bin ich aufgewachsen und erzogen worden, dass man einfach Leute unterstützt, die Unterstützung brauchen. Für mich gehört es einfach dazu. Ich habe auch nicht erst angefangen im Jahr 2015. Ich war immer in irgendwelchen Vereinen und Projekten und habe da Dinge gemacht. Das gehört tatsächlich zu meinem Leben dazu. Es ändert sich immer nur so ein bisschen der Fokus, jede Zeit hat so ihr Thema. Und im Moment ist es halt das geworden.

Was treibt dich an weiterzumachen?

Dass es immer was zu tun gibt. Es kommen einfach immer neue Dinge und wenn du nicht irgendwo anfängst, dann passiert halt nichts. Da fängt man dann einfach an und dann geht es auch weiter. Es gibt da nicht irgendwo so ein definiertes Ende. Trotz der frustrierenden Erlebnisse, dieses Gefühl, dass man ohnmächtig ist und an dem Politischen erstmal nichts ändern kann, merkt man eben doch, wie man jedem einzelnen Menschen hilft. Die Reaktionen direkt darauf bekomme ich mit und das gibt mir wieder Kraft und Motivation auch die schwierigen Sachen anzugehen und vielleicht mich auch politisch mehr dafür einzusetzen, dass sich Dinge verändern.

Welche schwierigen Momente gibt es?

Eine der schwierigsten Sachen zum Beispiel ist der Druck, den die Leute haben, insbesondere dadurch, dass wir hier in Europa meiner Meinung nach so ein bescheuertes System haben.  Es ist auch schon seit mehreren Jahren bewusst und bekannt und viele Flüchtlingsverbände kritisieren die sogenannte Dublin-Regelung. Ich finde es nicht gut, den Leuten vorzuschreiben, ihr müsst jetzt in dem Staat Asyl beantragen, obwohl sie in diesem Staat vielleicht ganz schlechte Erfahrungen gemacht haben. Anstatt eine halbwegs vernünftige Verteilung irgendwie hinzubekommen, unter Berücksichtigung auch der Wünsche der Menschen und der Möglichkeiten, sagen wir einfach, wir schieben sie zurück. Wir haben die Berichte aus der Praxis, wo die Menschen in Italien ankommen, kurz registriert werden und wenn sie dann fragen, wo sie schlafen und Essen finden können, wird ihnen erzählt:

„da draußen ist der Park, da könnt ihr schlafen.“

Es gibt dann auch bestimmte Fristen von sechs Monaten, die Deutschland Zeit hat, denjenigen in das Land zurückzubringen, wo er dann sein Asylverfahren durchführen soll. In diesen sechs Monaten schlafen die Leute nicht, weil sie jede Nacht Angst vor der Polizei haben, die sie in das andere Land verfrachtet. Das sorgt hier dafür, dass die Leute ganz krasse psychische Probleme haben und Ewigkeiten unsicher sind. Umgekehrt gibt es auch Leute mit Suchtproblematik. Auch das haben wir hier. Oder die selbstmordgefährdet sind aufgrund dieser Sachen. Das sind Dinge, die wir dann auch mitbekommen, wo wir mitleiden in gewisser Weise. Wir sind zwar nicht die Leute selbst, aber wir bekommen eben mit, wie sie sich fühlen und wie das Ganze auf sie wirkt. Solche Sachen machen mich traurig und zum Teil auch sehr wütend. Man könnte sehr viel schneller dafür sorgen, dass die Menschen irgendwie die Chance haben, zur Ruhe zu kommen und sich hier zu integrieren und an der Gesellschaft teilzuhaben. Wenn man solche Prozesse Ewigkeiten hinzögert, dann erreicht man genau das Gegenteil. Man sorgt dafür, dass die Leute verzweifeln und wütend sind.

Dublin-III-Verordnung
Laut der Dublin-III-Verordnung muss der Asylantrag in dem Mitgliedsstaat geprüft werden, in dem ein Flüchtling zuerst eingereist ist. Die Länder an den EU-Außengrenzen (z.B. Griechenland, Italien, Kroatien oder Ungarn) sind meistens für die Flüchtlinge zuständig. Wurde ein Flüchtling nicht registriert, ist es somit auch schwierig nachweisbar, in welchem Land der Flüchtling zum ersten Mal den Boden eines EU-Landes betreten hat. In dem Fall ist dann das Land zuständig, in dem der Flüchtling zum ersten Mal Asyl beantragt hat. Eine Abschiebung droht, wenn sich ein Asylsuchender nicht in dem Staat befindet, der laut Verordnung für ihn/sie zuständig ist. Ein Flüchtling kann innerhalb einer Woche gerichtlich gegen den Beschluss einer Abschiebung vorgehen. Eine Abschiebung vor der gerichtlichen Entscheidung ist unzulässig.

 

Was sollte deiner Meinung nach an der Integrationspolitik verändert werden?

Einige Rahmenbedingungen, was das Asyl angeht, wo immer weitere Einschränkungen erfolgt sind. Wir sollten einfach dahin wieder zurückgehen wirklich zu gucken, was sind die Schicksale der Leute und den Schutz aufgrund dessen zusprechen.

„Man entscheidet Asylrecht und Schutz nicht für Gruppen, sondern man entscheidet das für den einzelnen Menschen und das einzelne menschliche Schicksal.“

Meiner Meinung nach passiert das zu wenig. Es wird viel mehr danach entschieden, was die öffentliche Meinung will, als auf den einzelnen Menschen und das einzelne Schicksal zu gucken.

Erlebst du auch mal Anfeindungen von Außenstehenden aufgrund deiner Arbeit mit Geflüchteten?

Tatsächlich relativ wenig würde ich sagen. Ich bin jetzt auch kein Mensch, der sich auf irgendwelchen sozialen Netzwerken mit irgendwem prügelt oder Meinungen austauscht. Ich mache das tatsächlich lieber im persönlichen Gespräch und da habe ich bisher allen kritischen Kommentaren oder Anmerkungen immer etwas entgegensetzen können, einfach aus meiner persönlichen Erfahrung heraus. Es ist eher so das Allgemeine, was man mitbekommt. Ich bekomme halt mit wie Frauen mit Kopftuch manchmal angestarrt werden oder wie junge Männer, die sich einfach nur genauso verhalten, wie unsere deutschen jungen Männer, angepöbelt werden von älteren Menschen oder teils auch von jüngeren, die sie dann einfach beschimpfen. Ich bin nicht so sehr das Ziel, sondern das Ziel sind dann immer die Leute und das ist anstrengend. Ohne den Mensch überhaupt zu kennen, ohne irgendwas von ihm zu wissen, sofort zu verurteilen und in eine Schublade zu stopfen.

Wie können denn Ängste und Vorurteile gegenüber Geflüchteten abgebaut werden?

Indem man sich einfach selbst fragt: Wie würde es mir gehen, wenn ich in derselben Situation wäre? Du versuchst, dich in die andere Person hineinzuversetzen und dir zu überlegen: Wie würde ich mich fühlen? Wie würde ich wünschen, dass man mit mir umgeht und mich nicht als Gruppe betrachtet? Das Problem entsteht erst, wenn du aufgrund von Vorurteilen anfängst, die Leute in Gruppen einzuteilen und zu stigmatisieren. Das sind alles einzelne Menschen und jeder Mensch ist verschieden.

„Das Wichtige ist, dass du immer den Menschen siehst und nicht die Gruppe.“

 

Gibt es manchmal auch Probleme mit Geflüchteten aufgrund kultureller Unterschiede?

Nein, nicht wirklich. Mit einigen kommt man besser klar, mit anderen nicht so gut. Das ist total normal. Ich habe einige sehr gute Freunde darunter, mit anderen verstehe ich mich einfach nur. Ich habe immer das Gefühl, Menschen reagieren so, wie du auf sie zugehst und wenn du offener auf sie zugehst, dann bekommst du auch in 99,9 Prozent der Fälle eine positive Reaktion zurück. Es gibt hier einige sehr streng gläubige Muslime, die jetzt zum Beispiel einer Frau nicht die Hand geben.

„Sie lächeln mich aber an und berühren ihr Herz, was eine sehr respektvolle und höfliche Geste ist.“

Sie wissen, dass Händeschütteln hier üblich ist, aber aus ihrer Überzeugung raus machen sie das halt nicht. Wir kommen aber aus der Situation raus, ohne dass einer von uns in irgendeiner Form beleidigt ist. Wir haben halt Verständnis dafür. Umgekehrt habe ich auch Leute, die mich umarmen, wo es überhaupt keine Probleme gibt. Du hast da unterschiedliche Herangehensweisen und solange du offen, freundlich aufeinander zugehst, hast du eigentlich auch von der anderen Seite nie irgendwas.

Hast du das Gefühl, dass du was bewirken kannst mit deiner Arbeit?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es ist egal, wie viel man macht. Die Hauptsache ist, dass man was macht. Mit jeder noch so kleinen Geste kann man viel erreichen.

„Einfach mal eine junge Frau mit Kopftuch nicht komisch anstarren, sondern anlächeln.“

Selbst das bewirkt schon sehr viel in einem Menschen. Sodass sie einfach das Gefühl hat, dass sie nicht fremd ist, sondern dass es auch Leute gibt, die sie einfach nur als Menschen sehen und nicht als Kopftuchträgerin. Mit dem Engagement hier sehe ich auch sehr viel. Wir haben den ein oder anderen Familiennachzug regelmäßig. Vor kurzem ist eine Familie hier angekommen, die Frau und die Kinder von einem Mann, die sich drei Jahre lang nicht gesehen haben. Das sind sehr schöne Momente, wenn du dann einfach siehst, wie glücklich die Familie ist, dass sie wieder zusammen ist. Du erlebst, wie du Menschen helfen kannst und wie du dadurch auch die Gesellschaft ein Stückchen veränderst.

„Wir haben wirklich alle die Chance das hier auch zu nutzen und gemeinsam was draus zu gestalten.“

Wenn man da ordentlich miteinander umgeht, hat man auch Freunde und Unterstützer für das Leben gefunden.

Kann man als Ehrenamtler auch etwas von den Geflüchteten lernen?

Ja, sehr viel. Ich glaube sogar, wir haben sehr viel über uns selbst gelernt. Gerade hier in Deutschland mit den vielen Ehrenamtlichen, die sich engagiert haben. Da haben wir eine ganz wichtige Sache gelernt und zwar, dass man zivilgesellschaftlich aktiv sein kann.

„Man muss nicht alles einem Staat überlassen und hoffen, dass die Politiker das schon irgendwie lösen.“

Wir haben gelernt, dass jeder Mensch gefragt ist und jeder auch was tun kann, wenn solche großen Dinge passieren in der Geschichte. Auch rein zwischenmenschlich kann man sehr viel lernen. Viele Leute haben neue Sprachen angefangen zu lernen, lernen andere Kulturen kennen, andere Filme, Musik und Essen. Aber wie gesagt, man lernt auch viel über sich selbst, was man selbst kann, was man selbst nicht kann und vielleicht auch, wo die eigenen Grenzen sind. Dadurch, dass es auch manchmal den ein oder anderen Konflikt gibt, lernt man auch das einfach auszuhandeln. Man lernt und versteht was wichtig für einen selbst ist und man lernt es auch zu verteidigen. Dadurch lernst du auch viel über die Menschen und wie Menschen miteinander umgehen können.

Was ist das schönste Erlebnis, das du durch das Ehrenamt erlebt hast?

Das schönste Erlebnis ist schwierig. Es sind einfach so viele schöne Erlebnisse jeden Tag. Das, was mich immer wieder freut ist, wenn ich Leuten einfach so begegne. Gerade die kleinen Kinder kommen dann immer sofort angerannt und die Begrüßung ist generell immer sehr herzlich und freundlich. Ich habe so viele schöne Dinge zurückbekommen. Man wird immer wieder eingeladen und ich habe viele neue Freunde gefunden. Ich habe auch gemerkt, es kommt auch dahingehend was zurück: Menschen, denen man geholfen hat, helfen wiederum anderen. Das sind dann auch nicht nur andere Geflüchtete, sondern auch deutsche Familien, die Hilfe beim Umzug brauchen. Ich fände es schön, wenn sich das so weiterentwickelt und die Gesellschaft insgesamt näher zusammenrückt.

Wie kann jeder von uns etwas zur Teilhabe beitragen?

Ich würde sagen, jeder kann dazu beitragen, indem er erstmal offen ist von sich aus. Natürlich hat jeder von uns auch seine Erfahrungen, jeder hat auch erstmal bestimmte Vorurteile. Das ist auch erstmal nicht schlimm.

Das Wichtige ist, dass man offen ist und offen aufeinander zugeht.“

Einfach guckt, was passiert und versucht nicht jede Situation nur in eine Richtung zu deuten. Wenn man auf Missverständnisse oder ähnliches stößt, auf irgendwas, das man nicht versteht, dann einfach nachfragen. Offen sein, nachfragen und das halt von allen Seiten. Auch wenn man als Mensch in eine Gesellschaft reinkommt und mit bestimmten Sachen nicht gut klarkommt, dann auch einfach nachfragen. Wenn man in persönlichen Kontakt kommt, dann ergibt sich das normalerweise irgendwie. Dann versteht man sich auf einer ganz anderen Ebene. Da brauchst du auch keine tollen Richtlinien. Das passiert von Mensch zu Mensch.

 

Du willst mehr erfahren? Lies das Interview mit einem Amtsvormund über die Integration unbegleiteter Flüchtlingskinder!
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Quellen:

http://www.bamf.de/DE/Infothek/Statistiken/Asylzahlen/BundesamtInZahlen/bundesamt-in-zahlen-node.html
https://familie.asyl.net/innerhalb-europas/nach-dublin-iii-vo/